„Die Rechte von Sportlern werden mit Füßen getreten“ - 24. November 2014

Das Verwirrspiel bei der WM-Korruptionsaffäre, der FIFA-Ethikbericht und die  vielen zu hinterfragenden Vergabe-Entscheidungen der internationalen Sportverbände schaden dem Ansehen des gesamten Spitzensports.
Beispiele hierzu gibt es in letzter Zeit zu Genüge. Geradezu augenfällig kommt da der Korruptions-Freispruch durch Hans-Joachim Eckert zur Vergabe der WM-Endrunden nach Russland und Katar. Dieser Freispruch ist kein Freispruch von der moralischen und ethischen Verantwortung der Fifa.
Dabei läuft auch die nun gestellte Strafanzeige gegen das Fehlverhalten von Einzelpersonen im Zusammenhang mit den Korruptionsvorwürfen völlig ins Leere. Es soll damit der Eindruck erweckt werden, man strebe eine lückenlose und einwandfreie Aufklärung an. Aus einer solchen Mischung aus PR-Gag und Placebo-Effekt wird sich nicht viel Relevantes ergeben. Besonders im Hinblick darauf, dass mögliche staatsanwaltschaftliche Maßnahmen Menschen in aller Herren Länder betrifft und nicht nur die FIFA-Zentrale in der Schweiz. Unabhängig davon zeigt die Lebenserfahrung, dass viele Dinge schwer juristisch nachzuweisen sind und man häufig in Grauzonen unterwegs ist. Es bliebe also immer die Frage zu klären, ob die FIFA gegen Gesetze verstoßen hat.
Noch viel interessanter ist jedoch die Frage, ob dies alles im großen Zusammenhang mit einer erneuten Kandidatur Joseph Blatter für die Präsidentenwahl im Mai nächsten Jahres steht. Die Mühlen der Justiz mahlen langsam. Natürlich gewinnt Blatter damit Zeit. Man sollte diesen Skandal also vor allem als Möglichkeit betrachten. Jetzt ist der Zeitpunkt, zu dem Blatter auf keinen Fall noch einmal kandidieren sollte. Die Menschen haben die Nase voll von uralten Funktionären, die sich an Ämter klammern. Das wäre in jedem anderen Bereich außer im Verbandswesen des Sports undenkbar. Jetzt ist der Zeitpunkt, wo Blatter Konsequenzen ziehen und erkennen muss, dass es nichts bringt, mit dem Fuß aufzustampfen wie ein kleiner Junge. Das schadet der FIFA, dem Fußball und dem Sport insgesamt. Die Menschen unterscheiden nicht zwischen FIFA, IOC, UEFA oder anderen Verbänden. Deshalb leiden alle Funktionäre darunter, wenn sich ein Verband so instinktlos verhält wie die FIFA unter Blatter. Eine Lösung dafür, exemplarisch dient erneut der FIFA-Verband, ist ein gewaltiger Druck von außen. Hierbei sollten sich auch der Deutsche Fußballverband und alle tadellos ehrenamtlich arbeitenden Verbände angesprochen fühlen.

Es ist an der Zeit, der FIFA zu sagen, dass sie in ihrem verstaubten Haus Fenster und Türen aufreißt und einmal frischen Wind reinlässt. Trotzdem wird es ein schwieriger Prozess, denn nur wenn Blatter geht, werden sich nicht alle Strukturen verändert haben. Aber dieser Weg ist absolut zwingend, um die Glaubwürdigkeit des Produkts wiederherzustellen.
Bei dieser Druckausübung sind alle gefragt: Die Verbände müssen sich klar positionieren. Es muss sich aber auch die Politik in den demokratischen Staaten äußern. Und auch die Sponsoren sind in der Pflicht. Wenn morgen relevante Sponsoren sagen, sie sind nicht mehr bereit, Geld zu geben, dann ist das der größte auszuübende Druck. Es wäre auf jeden Fall ein guter Zeitpunkt, um sich dabei an die Spitze der Bewegung zu setzen und die Kritik noch einmal pointiert zu äußern.
In keiner Weise ist dies als Aufruf zum Boykott von Meisterschaften zu verstehen. Doch die vermutete Korruption, die undemokratischen Prozesse und die fehlenden Transparenz in den großen Verbänden sind als wesentliches Motiv für die Ablehnung von Veranstaltungen und Sportfunktionären mehr als nachvollziehbar.
Gerade deswegen waren die Reform-Vorschläge von IOC-Präsident Bach überfällig und richtig. Jede Idee zur Verbesserung und zur höheren Akzeptanz von Olympiabewerbungen ist hilfreich. Denn wechselt man von der einen Bande zur anderen, von der FIFA zum IAAF, ergibt sich ein ähnliches Bild:
Was ist gerade bei der Vergabe der Leichtathletik-WM geschehen? Da wurde die Meisterschaft nach Katar vergeben. Dabei haben die Leichtathletik-Funktionäre gesagt: Das ist die schlechteste Bewerbung gewesen. Die haben  aber  30 Millionen mehr bezahlt. Das ist nicht im Interesse des Sports. Da werden die Rechte von Spitzen- und Breitensportlern mit Füßen getreten. Natürlich können wir die demokratischen Standards, die in  Westeuropa herrschen, nicht überall anlegen. Aber Mindeststandards sollten vorhanden sein. Es muss eingefordert werden, dass Homo- oder Heterosexualität keine Rolle spielt. Auch  Umweltschutz, Frauenrechte und die Rechte von Behinderten sind essentiell. Es kann auch nicht sein, dass  Wanderarbeiter  in einem reichen Land wie Katar verhungern, während gleichzeitig Sportstätten für Millionen Dollar gebaut werden. So wie die Anzahl von Toiletten geregelt ist, so muss auch geregelt werden, dass die Arbeiter unter menschenwürdigen Bedingungen bauen. Das kann sich die Sportgemeinschaft nicht bieten lassen.

Wir müssen alles dafür tun, dass der Sport gesellschaftlich wichtige Entwicklungen unterstützt.